3. Etappe / 3. Fahrtag - Teil 02

Mittwoch 24.07.2019


Hotelzimmer 120, 6:00 Uhr


Der Wecker klingelt und....lies dir einfach die anderen beiden Tage durch. Im Prinzip immer das Gleiche. Zwei Morgenmuffel kämpfen sich durchs Bad, durch das Frühstück, auf das Bike zum Start.



Wir fuhren die 30 km zum Start, eher gemütlich, um die Reifen zu schonen. Den Einzylindern war das zu langsam, und sie überholten uns andauernd.


Dann bogen wir von der Straße auf einen Schotterweg, und von diesem in die Müllhalde. Es stank erbärmlich. Kaum zu beschreiben, ein unwirklicher Ort für einen Deutschen. Überall bunte Tüten und Plastikabfälle sowie kleine Feuer. Und inmitten der Müllhalde Sofas und alte Sessel, auf denen Leute „chillen“. Ein kurzer Einblick verschafft dieses Video aus 2018: https://vimeo.com/242169631.

    


Allerdings habe ich es viel, viel schlimmer empfunden als die Bilder im Video. Gefühlt waren es am Morgen schon an die 20°C, und es sollte an diesem Tag noch viel wärmer werden.


Wir rollen wieder zum Pre-Start, erhalten unsere Zeitkarten, und werden zur Startlinie gelassen.


    


An der Startlinie stellt sich Stefan auf, fängt an zu zählen.


Stefan: 5...4....3....deine Endtöpfe sind zu laut!

Walter: Was?

Stefan: 2...

Schlunzke: Der hat dich auf dem Kieker.

Walter: Meinste?

Schlunzke: Na lächelt er?

Stefan:....1

Walter: Jetzt lächelt er.


Ich hab riss das Gas auf und war in Etappe 3.


Schlunzke zu seinem Hirn: hat der jetzt etwa den Start verpennt?

Gehirn an Schlunzke: könnte ich dir sagen, wenn du nicht die Rückspiegel abgebaut hättest.


Ich fuhr weiter. Und da Walter ein top Fahrer ist, schafft er den Start auch ohne mich, dachte ich.


Es ging auf einer gerölligen Hochebene mit kleinen Anstiegen und Senken links, rechts, hoch und runter. Am Start ging jeder Fahrer, oder jedes Team, ca. 30 Sekunden versetzt an den Start. Folglich sollte man die Vorderleute sehen können. Man ist aber so mit sich, dem Roadbook und der Strecke beschäftigt, dass man entweder die anderen nicht sieht oder nicht beachtet. Man schaltet völlig ab und verabschiedet sich in eine andere Welt. Das macht den Kopf total frei. Ich werde zukünftig meinem Chef bei ersten Burnout-Anzeichen auf diesen Effekt hinweisen, dass eine Rallye sofort helfen kann. Präventiv vielleicht gleich mal das nächste Eco Race buchen? Vorsorge ist ja besser als Nachsorge.


 


Wir ballerten weiter über die Geröllebene. Nach 20 km bog ich in einen Feldweg ca. 20 m zu früh ab. Der richtige Abzweig folgte wirklich 20 m später. So konnte mich Walter einfach links liegen lassen. Ich drehte um, korrigierte den Tripmaster und fuhr jetzt wieder auf den Track. Kopf nach vorn, wo waren die Anderen? Keiner mehr da. Also gut, Hahn aufreißen, die bekomme ich schon. Auf dem Untergrund kann ich sicher schnell fahren, meine geliebten Spitzkehren sind noch nicht in Sicht.


So ging es dann ca. 5 km, dann kam ein längerer Hanganstieg auf sehr losem und etwas tieferen Schotter. Ca. 500 m vor mir, kippte schon eine LC4 langsam in den Hang, und ein paar Meter weiter strauchelte eine Yamaha. Natürlich beide so versetzt, dass ich Slalom fahren musste. Ich war nämlich auch schon im Hang, als die LC4 auf der Seite aufschlug und der Yamahafahrer stehend um Gleichgewicht rang. Also gut, Sissi die III. auf Zug haltend, an der LC4 vorbei. Geschafft, jetzt um die Yamaha, Kurs eingelegt und links vorbei. Das hat geklappt. Wieso kippt der denn jetzt auch nach links? Ich ging in die Bremsen, kam auf gleicher Höhe, wie die Yamaha zum Stehen. Und genau in diesem Moment legte sich die Yamaha samt Fahrer an mich. Der Fahrer stupste sich an mir ins Gleichgewicht. Sehr gut für ihn, schlecht für mich. Ich kippte, dank des tiefen Schotters und des Impulses des Yamahaheinis, nach links. Recht herzlichen Dank! Auf einmal knallte Walter von unten den Hang hoch, wich uns nach rechts aus, und musste an einem Felsen anhalten. Wo kam der denn her, der war doch vor mir? Der Yamahafahrer rief „sorry“, drückte auf den Anlasser und fuhr den Hang hoch. Spinn ich??? Ich rief ihm noch einige gut gemeinte Tipps den Hang rauf und rappelte mich auf. Die Temperaturen waren jetzt in meinen Klamotten nahe dem Siedepunkt. O.k., Kiste aufrichten, anlassen. Nix, kein Geräusch war zu hören. Wenn die 990R auf der linken Seite lag, will sie einfach nicht mehr anspringen. So leierte ich und leierte. Gefühlt nach 15 min, ist sie dann angesprungen. In der Zeit kamen andere Fahrer. Eher Lemminge. Alle sehen, dass zwei oder noch mehr, Maschinen ungünstig im Hang liegen. Einen Hang, der mit ordentlich Zug und tunlichst in einem Stück durchfahren werden musste, um auch oben anzukommen. Das schien für viele der Teilnehmer eine so große Verlockung zu sein, dass wirklich jeder den Hang angefahren ist. Aber nicht alle sind oben angekommen, soviel sei verraten.


Derweil fuhr ich meine Sissi auf die Hangkuppe, 2. Gang rein und Gas mit Gefühl. Schwupps war ich oben. Tja, aber wenn ein Yamahafahrer einen KTM Fahrer den Tag versauen will, dagegen ist kein Kraut gewachsen.


Auf der Kuppe angekommen, stand da auch schon Walter. Die LC4 war noch immer kein Stück weiter. Walter war schon auf halbem Weg zur LC4, da bin ich zum Helfen hinterher . In der Zwischenzeit sind noch weitere Fahrer stecken-geblieben. Die Krönung war eine GS. Wobei es zwei GS-Fahrer waren, eine schwarze, die ohne Probleme durch den Hang flog, und eine weiße. Diese kippte im tiefen Schotter um, und der Fahrer war danach etwas von der Rolle. Also, zu dritt oder zu viert aufgerichtet. Danach dem Fahrer mit deutlichen Worten gesagt: zweiter Gang und dann mit richtig Gas nach oben fahren. Er fand, dass Schieben in einem Schotterhang besser sei. Gut, dass es eine GS mit den großen Tanks war, die schiebt sich fast von allein. Gefühlt habe ich mich dabei wie ein ägyptischer Sklave, der Pyramidenstümpfe durch die Wüste schiebt, nur in bunten Klamotten.


Als wir endlich oben waren, war was passiert? Richtig, weitere Fahrer sind stecken geblieben. Also gingen Walter und ich wieder runter um zu helfen. Wir waren bestimmt 30 Minuten im Hang am Helfen, bis ich zu Walter sagte: „Wir müssen hier weg, wir spielen für alle den ADAC und keine Sau steigt ab und hilft den Nächsten. Die fahren alle schön weiter und wir ackern hier.“


Gesagt, getan, noch schnell einer kleinen Yamaha geholfen, und dann machten wir uns dünn. Man, hatte das Kraft gekostet!


Wieviel an Kraft habe ich erst viel später bemerkt, ca. bei Kilometer 90. Vorher jedoch haben wir Viele vom Hang an der Miene wieder eingeholt. Hier war es nämlich so, dass ein Wunder geschehen ist. Jemand hatte den nicht zu bewegenden Sattelschlepper samt Container weggefahren oder geklaut. Der wichtige Orientierungspunkt an dieser Stelle war einfach mal weg. Nun ja, so eine Miene ist ja nicht zu verfehlen, das geht auch ohne den Punkt. Weiter! Überraschung die zweite: die Mienendurchfahrt war gesperrt.


Aha, und nun? Eben auf der Straße die Miene umfahren.


Dann ging es wieder in ein Waldstück. Walter zog bei sowas ordentlich am Kabel und war schnell außerhalb meines Sichtfelds. Ich schaute aufs Roadbook: „Aha in 100 m an der Kreuzung geradeaus.“ Und genau an der Kreuzung biege ich dann wie selbstverständlich links ab. Keine Ahnung, warum?!? Bemerkt habe ich es erst gut 5 km später im Wald bergauf. Es war so schön still. Das ist nichts ungewöhnliches, da je nach Windrichtung es oft sehr still sein kein, wenn nicht gerade Walter 5 m hinter dir ist. Aber hier war es so auffällig still, dass es komisch war. Ich drehte um und hatte meinen Fehler schnell gefunden. Auf dem Roadbook war klar markiert: an der Kreuzung gerade aus. Ich kann bis heute nicht sagen, warum ich abgebogen bin. Vielleicht war es die Hitze, die verbrannten Körner vom Hang oder die allgemeine Anstrengung. Ich habe die Bilder im Roadbook völlig falsch umgesetzt.


Nun ja, passiert. Weiter im Text und auf die Schotterpassagen. Irgendwann kam das große Loch, auch „kleiner Abgrund“ genannt. Da lief alles paletti, weiter Ballern. Ein paar Kilometer später war nach einer engen Kurve eine große Vertiefung, oder eben ein Loch auf der Piste. Ich habe es noch gesehen, ausweichen konnte ich aber nicht mehr. Bäm! Ein Hammerschlag ins Vorderrad. Aber ich hatte keine Zeit für Sorgen um meine Maschine. So schnell wie die LC8 ins Loch eintauchte, so schnell kam mir das Cockpit in den Helm geschossen. Kurze Zeit, vielleicht eine halbe Sekunde, Dunkelheit, ich war wieder auf der Strecke, habe das Motorrad wieder auf den Kurs gedrückt und fuhr weiter. Jetzt nicht anhalten, sonst gehen dir die Lichter aus!


Ich fuhr jetzt mit angezogener Handbremse weiter, traf auf Walter, der Zeit hätte, eine Schachtel der guten bosnischen Stinkbalken zu rauchen, rollte an ihm vorbei und gab ihm ein Zeichen, mir zu folgen. Es ging bergab, irgendwann Asphalt und wir rollten in eine Stadt vom Berg herab. Bei einem kurzen Zwischenstopp erklärte ich Walter, dass ich dringend eine Pause brauchte, weil sich mein Cockpit in meinen Helm geprügelt hatte. Walter, und das rechne ich ihm hoch an, hat sofort geschnallt, dass etwas nicht stimmt. Keine Diskussionen, er fuhr hinter mir genauso langsam wie ich, und wir rollten in die Stadt. Suchten uns ein Café und sanken in die Sessel. Bei der letzten Cola des Hauses, mehreren Espressi und Sprite schilderte ich meinen Fast-Crash.


Schlunzke: Das hat so geknallt, ich dachte: „jetzt nur schnell bis zu nächsten Stadt und das Bike und die Kauleiste checken“.

Walter: Wow, aber du siehst o.k. aus, nur deine Lippe blutet.

Schlunzke: Das geht. Die Zunge sagt auch: Alle Zähne noch da wo sie sein sollten. Walter?

Walter: Ja?

Schlunzke: Ich breche heute ab. Das war für mich zu heftig. Und danach eierte ich nur rum.

Walter: Hat man gesehen, du hast jede Kurve geschnitten, und man sieht dir deine Unsicherheit beim Fahren an.

Schlunzke: Ich bin schweißnass. Muss auch mal schauen, was mit der LC8 ist. Die Felge ist bestimmt im Arsch. Das hat vielleicht eingeschlagen!


Nachdem wir das Café verlassen hatten, bin ich um Sissi die III. gegangen, um die Schäden zu begutachten. Für mich war klar: die Rallye ist jetzt vorbei. Das Vorderrad ist bestimmt kaputt oder stark beschädigt. Oder die Gabel schmiert oder, oder, oder.


Sissi die III. hatte außer Mücken an der Verkleidung nichts. Absolut nichts! Die Felge glänzte als wäre nichts gewesen. Die Gabel war dicht, der Motorschutz in Ordnung. Nur meine Lippe blutete etwas. Mehr war nicht passiert. Großes Glück gehabt. Wow!


Bei der nächsten Tankstelle machten wir halt. Öl auf die Ketten, den Tank voll und ein Eis. Ich stellte mich in die klimatisierte Tankstelle und merkte, wie sich mein Kreislauf langsam wieder in den normalen Zustand arbeitete. Ich erholte mich von Minute zu Minute.


Nach dem Eis war ich wieder o.k., die Knie wieder stabil und ich guter Dinge. Aber ich wollte heute nicht mehr fahren. Es war 12 Uhr.



An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Walter. Er wäre gern die gesamte Etappe gefahren. Reifenverschleiß hin oder her. Er hätte es versucht. Aber er hat mich dann auf der Straße bis zum Camp begleitet. Kein Murren, kein Spruch, nichts! Er war einfach da. Danke, Walter!!!


Im Camp sind wir gegen 14:30 Uhr eingetroffen. Jetzt hatten wir wirklich alle Zeit der Welt, unsere Bikes zu pflegen, was wir auch ausgiebig taten. Walter hatte seinem Hinterreifen beim Auftanken kurz vorm Camp den Todesstoß auf dem Asphalt gegeben. Jetzt musste ein neuer Reifen drauf.


Als sich Walter ans Werk machte, bin ich zum Hotelrestaurant, habe einen doppelten Espresso und eine kalte Coke für Walter besorgt.


Die Bikes wurden gepflegt, danach stellten wir uns unter die Dusche und mit einem kühlen frischen Pivo warteten wir mit anderen Fahrern die eine Panne oder einen Pausentag hatten, auf die eintreffenden Rallyefahrer der dritten Etappe.


 


Als unsere Campfreunde eintrafen, gab es ein großes „Hallo“ im Camp und eine Diskussion über die Verwendung von Mousse. Mousse hier und da. Wir hatte kein Mousse in den Mänteln. Wozu auch? Unsere Kisten sind dafür zu schwer. Aber es wurden die verschiedenen Philosophien und Argumente ausgetauscht.


Wir verzogen uns dann auf die Restaurantterrasse und haben bei schöner Vorabendsonne die tägliche Fleischportion eingenommen, um gestärkt am letzten Briefing teilzunehmen.



Wichtigster Link:

http://bosnia-rally.com


du stehst auf bewegte Bilder? Eindrücke aus 2018

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