Hier ist der vollständige Text aus dem Artikel, übersichtlich abgetippt und lesbar formatiert.
MYTHEN CHECK
„MEIN MOTORRAD BRAUCHT IMMER 5,5 LITER“
Ist der Spritverbrauch für ein bestimmtes Motorrad wirklich so eindeutig? Und wie realitätsnah sind WMTC und persönliche Erfahrungen?
Text: Markus Reithofer/motorrad-magazin.at
Wir kennen das aus unserem Test-Alltag: Motorrad A ist sparsam, Motorrad B säuft. Und dann wundern wir uns über den theoretischen WMTC-Verbrauch. Dass der Benzinverbrauch eines Motorrads nicht konstant ist, sondern je nach Fahrstil, Strecke, Geschwindigkeit und Lastwechseln variiert, ist jedem klar. Aber wie stark sich schon kleine Unterschiede auswirken, überrascht dann doch.
Unsere QJMotor SRT 900 SX verbraucht auf kurvigen, hügeligen Landstraßen bei flotter Gangart mit kräftigem Herausbeschleunigen aus Kurven meist bei rund 7,0 l/100 km. Auf einer 300-Kilometer-Tour über sehr ähnliche Straßen bei vergleichbarer Durchschnittsgeschwindigkeit, diesmal aber stressfrei gefahren, fiel der Verbrauch auf 5,1 l/100 km. Dasselbe Motorrad, derselbe Fahrer, ähnliche Strecke, aber trotzdem ein viel niedrigerer Spritbedarf.
Noch aufschlussreicher war eine Präsentation in Spanien: zehn Journalisten, zehn identische Motorräder, dieselbe kurvige und hügelige Strecke, kein störender Verkehr, Gruppenfahrt im Gänsemarsch, Überholen verboten. Trotzdem lagen die Verbrauchswerte zwischen 5,5 und 7,0 l/100 km. Der Unterschied ist also nicht durch eine andere Route oder anderes Reisetempo entstanden, sondern durch kleine Abweichungen im Fahrstil: etwas stärkeres Nachbeschleunigen, etwas späterer Bremspunkt, etwas mehr Unruhe im Geschwindigkeitsverlauf.
Entscheidend ist nicht nur, wie schnell man durchschnittlich fährt, sondern wie diese Durchschnittsgeschwindigkeit entsteht. Jede starke Beschleunigung kostet Energie, und gerade auf kurvigen Bergstraßen können Motorräder deshalb bei ähnlichem Durchschnittstempo sehr unterschiedliche Verbräuche zeigen. Offizielle Studien zu diesem Thema zeigen, dass vor allem häufiges starkes Beschleunigen und Bremsen und erst danach hohes Tempo, Zuladung und Reifendruck den Verbrauch beeinflussen.
Der genormte WMTC-Verbrauch als Prüfstands- und Vergleichswert versucht diese Vielfalt im Fahrverhalten zu standardisieren. Entwickelt wurde er aus realen Fahrdaten repräsentativer Motorräder und soll nicht nur den Verbrauch, sondern auch die Emissionen unter definierten Bedingungen vergleichbar machen. Als Vorhersage dafür, wieviel man selbst mit diesem Motorrad verbrauchen wird, ist er aber untauglich, weil kein Motorradfahrer genau so unterwegs ist, wie dieser Test spezifiziert ist.
Ein bestimmtes Motorradmodell hat also nicht einfach einen bestimmten Verbrauch; dieser ergibt sich aus der Summe von Motorrad, Strecke und Fahrer. Ein persönlicher Durchschnittsverbrauch kann als eigene Referenz durchaus nützlich sein – aber nur, solange die Rahmenbedingungen ähnlich bleiben. Wer wissen will, was sein Motorrad wirklich braucht, muss deshalb immer auch dazusagen: wo, wie und mit welchem Einsatz des rechten Handgelenks.
MOTORRAD MAGAZIN PRAXIS-TIPP
Auch bei gleichem Fahrer die Verbrauchswerte immer im Zusammenhang mit den Fahrbedingungen notieren: wie sportlich (Skala 1–10), Durchschnittsgeschwindigkeit, Strecke, Wetter und Beladung. Erst dann werden Vergleiche einigermaßen aussagekräftig.
Info zur Grafik:
Titel der Grafik: Zusammenhang zwischen gleichmäßiger Geschwindigkeit und Benzinverbrauch
Y-Achse: Benzinverbrauch (l/100 km) (Skala von 0 bis 16)
X-Achse: Geschwindigkeit (km/h) (Skala von 40 bis 160)
Bildunterschrift: Auch bei gleichmäßig gefahrenem Tempo nimmt der Verbrauch massiv mit der Geschwindigkeit zu. (Die Kurve steigt ab ca. 60 km/h exponentiell nach oben an.)