Instandsetzungsblog - HSQ 701 Enduro (2022)

  • Hallo Leidensgenossen,


    Ich mogele mich hier mal als Husky-Fahrer rein.

    Wenige Tage nach einem Sturz mit unbemerktem, langsamem Kühlwasserverlust, habe ich Späne im Öl gefunden, als ich kurz vor dem Urlaub nochmal Öl und Filter wechseln wollte. Ob es zu spät war, oder Glück im Unglück, möchte ich in den kommenden Wochen herausfinden.


    Ich werde hier gelegentlich darüber berichten und meine gemachten Erfahrungen teilen. Vielleicht hilft es jemandem in Zukunft, wenn er bei der Demontage des Motors irgendwo nicht weiter kommt. Vielleicht findet sich auch der ein oder andere Interessierte, der mir auch mal mit ein paar Tipps aushelfen kann.


    Ich habe keine Erfahrung bei Motorarbeiten, auch wenn ich sonst viel selbst Schraube. Ich habe viele Infos gesammelt und versucht, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten vorzubereiten. Versteht meine Posts also bitte nicht als Anleitung, sondern als Dokumentation meines Problems.


    Mein Ziel ist es, den Motor instandzusetzen. Wenn das nicht klappt, wird nach einem Austauschmotor gesucht.


    Was ist passiert? Ich bin bei langsamer Fahrt gerutscht, gestürzt und alles schien okay. Wenige Tage und geschätzte 100-200km später wechsle ich das Öl und die Filter und finde Glitter in den Sieben. Vor allem im vorderen Sieb. Also erstmal den Matsch runter waschen, trocknen lassen und die 701 rein fahren. Zwei Tage später ist immernoch Wasser am Kühler. Mist, der Kühler ist nur noch halbvoll mit Wasser. Der Griechenlandurlaub fällt flach.

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    Mich beunruhigen vor allem die glänzenden Späne und das riesige Kneul unten im Bild. Eventuell Reste von dem unzureichend gehärteten Ventilshim der vor 14.000km gewechselt wurde? Ne, das ist 3 Ölwechsel her.

    Die Späne sind auch nicht magnetisch.

    Und der große Span? Irgendwas aus dem Kupplungskorb? Vermutlich nicht, der hätte im seitlichen Sieb sein müssen, wenn mich nicht alles täuscht.

    Google hat mich nicht viel weiter gebracht und bei nicht magnetischen, glänzenden Spänen im vorderen Sieb gucken mich die Werkstattmitsrbeiter entgeistert an. Drei Werkstätten, eine Aussage: "Motorinstandsetzung? In dieser Jahreszeit? Bring die Karre in ein paar Monaten wieder".

    Das Bike wurde also erstmal gefrustet weggestellt und ignoriert.


    Nach langer Pause ist jetzt die Zeit und Motivation da, mich damit auseinanderzusetzen. Hilft ja alles nichts. Auf der Haben-Seite:

    Ich will jetzt wissen wo das her kommt und kann dabei was lernen.


    Nach dem Ausbau des Motors und dem Öffnen des Ventildeckels sieht es erstmal ... teilweise okay aus. Mit Ausnahme der Ventilshims auf der Auslasseite. Dazu später ein Bild.


    Erstmal die Bleche der Wellen entfernen und die Nockenwelle rausziehen. Die sieht für meine amateurhaften Augen nach 28.000km ganz gut aus. Keine mit dem Fingernagel spürbaren Riefen. Die kommt erstmal an die Seite. Damit beschäftige ich mich später.

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    Die großen Lager beider Wellen haben fühlbares und hörbares, aber kaum sichtbares Spiel. Was sagt ihr? Ob ein Lagerwechsel reichen wird? Mal schauen, ob ich irgendwo ein Toleranzmaß für die Wellendurchmesser finde.


    Erstmal weiter auseinandernehmen. Kipphebelschrauben lösen, Welle nach links Schieben und den Kipphebel rausziehen. Dabei noch kurz drüber aufregen, dass die Innensechskantschraube, die den Kipphebel hält, vom freundlichen mit den drei Buchstaben offenbar mit einem Torx-Bit verformt wurde. Die kommt weg.

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    Ventilshims und Kipphebel sehen spannend aus und haben mir ein "was zum... !?" entlockt. Da hätte ich keine 2.000 km auf die nächste Wartung abwarten wollen. Hundertstel mm Toleranz? Ne, da kannste den Zollstock holen. Der Kipphebel fühlt sich an, als wenn man mit dem Fingernagel über grobes Schleifpapier kratzt. Ob das wohl Folgen der vorher - nicht auf Kulanz - gewechselten, unzureichend gehärteten Originalshims sind? Die hatten mich vor 14.000km schonmal mit Spänen im Öl zum freundlichen Orangenen geführt. Naja, der Kipphebel muss ausgetauscht werden. :staun:

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    Die Auslass-seitigen Shims sehen entsprechend aus. Schöne Suppenschüsseln haben die Hebel daraus geklöppelt. Das kam auch nicht über Nacht. Der Anfang verspricht schonmal keine Langeweile :rolleyes:

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    Immerhin, die Hebel auf der Einlasseite sind oben und unten noch top. Der linke reflektiert nur. Der ist auch spiegelglatt und schwarz.

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    Schrauben raus, Madenschrauben raus, Stifte raus und runter damit, dann ist auch die Ausgleichwelle raus. Ich habe die Stifte unter den Madenschrauben mit einem Inbus rausgepopelt. Ging mit etwas Gefühl ganz gut. Ich empfehle aber einen Magneten oder eine lange Schraube. Die haben ein Innengewinde. Ich schätze M4?


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    Ich besorg mir erstmal nen Magnetheber.


    Für heute habe ich genug. Ich hoffe, ich komme Mittwoch wieder zum Schrauben, um mir Zylinder und Kolben anzuschauen. Ich hoffe, dass die nicht so wild aussehen wie der Kipphebel. Wobei mir Kolben und Zylinder als Ursache eigentlich fast sympathisch wären. Die kriegt man zu einem akzeptablen Preis neu. Aber solche Flocken vom Zylinder!?

    Falls die Späne doch einen goldenen Farbstich haben sollten, den meine schlechten Augen nicht erkennen, werde ich mich nach einem Motor umsehen müssen. Oder ich schaue gleich nach einem neuen, fahrbaren Untersatz. Mit zwei Zylindern? Was sagt ihr?

    Ich nehme auch noch Wetten zur Ursache an, falls jemand eine Idee hat.

    Naja, bleiben wir mal ergebnisoffen :rolleyes:


    LG derkaderk

    2 Mal editiert, zuletzt von derkaderk ()

  • Kipphebel und Shims sind im Arsch, die müssen neu. Nockewelle sieht ganz gut aus. Die Späne aus dem vorderen Sieb kommen definitiv von Bauteilen aus dem Kurbelraum. Der Kurbelraum bei den KTM Motoren ist evakuiert und wird separat von einer eigenen Ölpumpe abgesaugt. Sprich, Abrieb bzw Späne aus dem Getrieberaum können NICHT in den Kurbelraum und umgekehrt. Und die Späne schaun nicht gut aus. Kopf runter, Zylinder und Kolben raus und dann mal schaun.

    :Kürbis:

  • Weiter geht's mit dem ersten zu erwartenden Fund. :Daumen runter:

    Ich habe die kleine Welle rechts mit den Hebelchen rausgezogen und die vier großen Dehnschrauben am Rand rausgedreht

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    Seitliche Schraube entfernen, die die Kette "hält", sowie die beiden senkrechten Schrauben darunter.

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    Dann den Kopf abziehen. Danach wird der Kolben auf den unteren Totpunkt gedreht, um einen ersten Blick auf die Zylinderwände werfen zu können. Keine Erleichterung. Sch... :kacke:


    Jeweils in Fahrtrichtung:

    Rechts

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    Hinten (Einlassseite)

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    Links (Steuerketten-Seite)

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    Und die tiefsten Schleifspuren: Vorne

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    8 größere Kontaktflächen und hier und da kleinere. Da wird sich ein Aufbereiter über einen neuen Auftrag freuen.


    Ein guter Zeitpunkt, endlich den Anlasser auszubauen. Die vorderen Schrauben raus, danach hält er nur noch am O-Ring im Gehäuse und kann "einfach" rausgezogen, bzw. fluchend rausgekippelt werden, weil alles oxidiert ist und blüht. Ich muss echt aufhören, im Winter Motorrad zu fahren ... beim nächsten Bike aber wirklich :zwinker:

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    Danach wird der Kolben wieder auf OT gedreht, die letzte Schraube auf der linken Außenseite entfernt und der Zylinder vorsichtig abgezogen. Auf halbem Weg ein Tuch, oder reichlich Zewa zwischen Zylinder und Gehäuse, damit nichts irgendwo gegen kommt.


    Der Kolben sieht so aus, wie der Zylinder vermuten ließ: Der hat's hinter sich.

    Auslass-seitig (vorne)

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    Einlass-seitig (hinten)

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    Am oberen und unteren Pleuellager ist kein Spiel feststellbar. Die Freude hält sich trotzdem in Grenzen. Die Spuren sehen nicht gut aus, werden aber kaum die Ursache für die Späne sein. Ich rechne im Kurbelgehäuse mit weiteren schlechten Nachrichten. Zum 24h-Rennen geht's dieses Jahr wohl mit dem Auto.


    Habt ihr Empfehlungen für einen Motoraufbereiter, der gerade nicht in Aufträgen untergeht, mir den Zylinder aufbereitet und mit passendem Kolben zurück schickt? Ich habe keine Vorstellung von den Kosten. Hat jemand eine grobe Größenordnung? Lohnt das preislich, oder kann man sich besser gleich für 1000€ + Zubehör ein Zylinder/Kolben-Paar neu besorgen?


    Ich schaue mal, wie weit ich heute noch komme und hoffe bis Ende der Woche alles auseinander zu haben. Dann sehe ich, wie es weitergeht. Im Juli solls auf Tour gehen. Bis dahin muss die 701 wieder laufen, oder ersetzt sein.


    LG derkaderk

    Einmal editiert, zuletzt von derkaderk ()

  • Ehrlich gesagt sieht das gar nicht so schlimm aus.

    Bei dem Kolben ist wenn ich das richtig sehe nur die hauchdünne Gleitbeschichtung verschlissen. Der Rest des Kolbens sieht aber noch gut aus.

    Und bei dem Zylinder sind die Riefen nicht im höheren Kompressionsbereich (was gut ist). Die zwei grossen Riefen die man da sieht scheinen auch nicht wirklich tief zu sein, denn da gehen teilweise noch die Hohnriefen durch.

    Wieviel km hat der Motor jetzt runter? Den Kolben kannst du neu beschichten lassen. Den Zylinder evtl. mal hohnen. Das sollte reichen. Und dann evtl. neue Kolbenringe (müsste man mal messen)

    Bin mal gespannt was du bezüglich der Späne findest (sind die magnetisch)?

  • Vielen Dank für deine Einschätzung! Das stimmt etwas positiver.


    Der Motor hat 28.000km. Ölwechsel alle 3-5tkm. Die Maschine ist in den letzten Jahren 3 mal umgefallen und dann geschätzt zwischen 1-3 Sekunden gelaufen, bevor ich den Motor abstellen konnte. Sie ist aus eigener Kraft auf den Balkan und nach Marokko gekommen. Entsprechend auch einige Autobahn-Kilometer mit 130-140 km/h. Das sind auch schon die schlimmsten Misshandlungen, die der Motor bekommen hat.


    Beim letzten Sturz wurde der Kühler unbemerkt minimal undicht und so ist sie noch wenige Tage lang etwa 100-200km gefahren, bis ich die Späne im Öl entdeckt habe. Da stand das Wasser im Kühlkörper ungefähr auf halber Höhe.


    Die Späne sind nicht magnetisch, daher bin ich auch sehr gespannt was mich noch erwartet. Sobald ich mehr weiß, gibt es auf jedenfall ein Update.

  • Wenn du den Motor eh offen hast, kannst du ihn ja mal neu lagern. Das kostet nicht viel, und versetzt ihn in der Hinsicht wieder in Neuzustand.
    Bezüglich Zylinder und Kolben...wenn du keinen Leistungsschwund gemerkt hast, kannst du ihn so weiterfahren. Kaputtgehen tut da nichts. Die Beschichtungen am Kolbenhemd sind für Notlaufeigenschaften. Normal ist da eh Öl. Und das Hohnbild sieht noch gut aus.
    Ansonsten könntest Du dir aber auch einen Übermasskolben kaufen (gibts normalerweise von KTM), dann brauchst du den Zylinder nur auszuschleifen. Dann ist das auch wieder wie neu.


    Das sollte also alles kein Problem sein.

  • Hättest du den jetzt nicht auf gemacht, aufgrund des Zustandes von Kolben und Zylinder wär der ganz sich nicht stehen geblieben. Da du ihn ja eh weiter aufmachen wirst, machen neue Lager natürlich Sinn, zumal das echt nicht viel kostet.

    Ich würde mir aber gründlich überlegen, ob ich jetzt Kolben und Zylinder mit mache, weil dann wär es eigentlich sinnvoll, das Pleuel Lager mit zu machen, bevor du den dann nahe Neuzustand wieder zusammen schraubst und in 5.000 km das Lager kommt - und der Motor dann wieder auf muss. Aber warten wir mal ab, was für eine Ursache die Späne haben und vor allem, wie die Ölpumpen aussehen...

  • Ich freue mich sehr darüber, dass ihr eure Erfahrungen und Einschätzungen weitergebt. Das gibt mir ein bisschen Orientierung. Vielen Dank!


    Kolben und Zylinder würde ich so nicht weiterverwenden, ohne dass ein Profi die Finger im Spiel hat und die wieder in guten Zustand versetzt bzw. Tausch, falls nötig. Ich bin auch froh, wenn der Motor danach so lang wie möglich unangetastet bleiben kann, bis auf die üblichen Wartungsarbeiten.


    Was an Lagern sinnvoll getauscht werden kann, möchte ich auch machen. Das gibt mir auch Vertrauen, das ich unbedingt brauche. Ich möchte nicht irgendwo im Atlas, in Georgien oder auch nur auf dem Balkan liegen bleiben und nach hause fliegen müssen. Ich reise ausschliesslich auf 2 Rädern, statt auf dem Hänger. Da wäre ein Motorschaden doppelt ärgerlich.


    Wenn es die Zeit hergibt, würde ich den Motor auch gern neu pulvern lassen. Ich bin Ganzjahresfahrer und manche Teile vertragen das Salz erheblich schlechter als andere. Eventuell muss das zeitlich aber in den nächsten Winter fallen, oder ich lackier das quick and dirty :denk:

    Der Generatordeckel zum Beispiel hat mehrere Schrauben, die schon im Freien stehen. Der muss getauscht werden.


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    Das ist meiner Putzfaulheit im Winter geschuldet. Die 701 steht draußen unter einer Plane. Da frieren mir beim Waschen die Finger ab. Ich fahre das ganze Jahr über, sonst kriege ich Entzugserscheinungen.


    EDIT: Phil Tonic

    Den Piraten kontaktiere ich, sobald das Kurbelgehäuse offen ist, damit ich gleich alle nötigen Arbeiten auf einmal anfragen kann.

    Einmal editiert, zuletzt von derkaderk ()